Syed Sarwar Zahir

Der 1962 in Karachi geborene und seit 1982 in Berlin lebende Schriftsteller
und Künstler stellt die deutsche Fassung sein Buches. Er schreibt über die Probleme der Heimatland
aber auch die Probleme der hier lebenden Ausländern sind seine Themen.

   

Gewohnheitsdieb

Vor dem Polizeischichtleiter stand ein Mann, seine Stimme war sehr leise und er sagte:
"Lieber, lieber Herr, ich verspreche, ich habe dieses Mal keinen Diebstahl begangen."
- "Du kannst mir glauben", antwortete der Polizeischichtleiter, "ich habe dich nicht verhaftet,
weil du Diebstahl begangen hast. Gegen dich liegt eine Beschwerde des Polizeistationsleiters
deines Ortes vor." - "Jaja, Sir!", sagte der Mann, "aber ich habe auch dort keinen Diebstahl begangen " -.
"Das weiß ich doch.", sagte der Polizeistationsleiter.
"Aber der Polizeistationsleiter in deinem Ort hat sich beschwert, dass du in der Vergangenheit regelmäßig Diebstähle begangen hast.
Und nun hast du dich von deinem Ort hierher begeben und dich versteckt.
Wir wollen gerne wissen: Willst du jetzt nicht mehr arbeiten?
" Der Mann schaute den Polizeistationsleiter an und starrte nur.

   

50 Jahre Gründungsfeier

Anlässlich des 50jährigen Gründungstages des Landes wurden überall
verschiedene Programme, Versammlungen, Meetings und Reden geplant. So war es auch in diesem großen Gefängnis,
es wurde verkündet, dass dieser 50jährige Gründungstag nicht entgehen sollte. Ein Diener brachte eine Akte zum Gefängnisleiter
und fragte: "Lieber Herr, diese Akte bitte unterschreiben.
Es geht um eine Todesurteilsvollstreckung." - "Ah, ja.", sagte der Gefängnisleiter. "Welche Nummer hat dieser Häftling?" -
"Nr. 50, Sir!", sagte der Diener. "Oh! Dann weißt du aber, dass er auch an dem Tag vollstreckt wird." -
"Yes, Sir!", sagte der Diener und er bekam ein Zeichen, den Raum zu verlassen.

   

Busschaffner

Der Schaffner kam zu mir und verlangte mein Ticket.
Ich drehte mich ganz bequem um und sagte: "Ich habe doch schon eins gekauft." - "Schon gekauft?",
wiederholte der Schaffner, als ob ich ihn lächerlich machen würde. "Wann haben Sie das getan? Sie sind doch eben gerade
in den Bus hineingestiegen, und so schnell haben Sie schon eine Fahrkarte gekauft, ohne dass ich Ihnen eine verkauft habe?
" Der Busschaffner bestand darauf, dass ich eine Fahrkarte kaufe, ich beharrte darauf, dass ich eigentlich schon eine gekauft habe.
Als er mich aufforderte, die Fahrkarte vorzuzeigen, sagte ich ihm,
dass es in diesem Bus so brechend voll sei und da man nicht richtig stehen könne, wie hätte ich die Fahrkarte aufheben können?
Ich habe doch keinen Platz zum stehen und daher habe ich die Fahrkarte verloren.
Der Busschaffner schimpfte mit mir; er wollte unbedingt,
dass ich entweder die Fahrkarte vorzeige oder eine kaufe. Ich machte ihm einen Vorschlag und sagte: Wenn Sie zugeben,
dass ich die Fahrkarte schon gekauft habe, bin ich bereit, eine zweite zu kaufen. Viele Leute im Bus gaben mir Recht
und fingen an, mit dem Busschaffner zu schimpfen. Neben mir stand ein anderer junger Mann; der Busschaffner
ignorierte mich und ging zu diesem jungen Mann und verlangte auch von ihm das Geld für eine Fahrkarte.
Dieser schüchterne Junge gab das Geld und sagte gleich dazu: Ich habe 10 Paisa zu wenig, denn ich muss nach Soldier Basar.
Der Busschaffner zählte das Geld, gab es ihm zurück und sagte: Mit diesem Geld kannst du bei der Rückfahrt eine Fahrkarte lösen.
Dann blickte er mich an, als ob er mich mit diesem jungen Mann vergleichen würde; ich fühlte mich geschmeichelt.
Als ich dann den Bus verlassen musste,
drückte ich beim Aussteigen einem anderen Busschaffner das Geld für die Karte in die Hand und lief einfach weiter.

   

Bürgersteig

Ich schlief ganz ruhig auf dem Bürgersteig, da klopfte plötzlich ein Polizist
mit seinem Stock an meinen Fuß. Ich spürte Schmerzen, war sofort wach und blickte den Polizisten an. "Weißt du,
auf dem Bürgersteig schlafen ist verboten", sagte mir der Polizist. - "Wo soll ich sonst denn schlafen?", widersprach ich ihm.
"Zu Hause, wo denn sonst?", sagte mir der Polizist. "Zu Hause?", wiederholte ich ganz langsam. Dabei sah ich vor meinem Auge,
wie ich heute morgen aus meiner Wohnung rausgeschmissen wurde, weil ich die Miete nicht rechtzeitig hatte bezahlen können.
Mein Vermieter hatte die ganzen Sachen auf die Straße geschmissen und trotz meinem mehrmaligen Bitten
und Flehen nicht aufgehört. Ich hatte nicht genügend Geld, die Miete zu bezahlen, es reichte ja nur für ein paar Mahlzeiten,
wie hätte ich die Miete zahlen können. Während ich über diese Sache nachgedacht hatte, fragte der Polizist; "Worüber denkst du nach?
Hast du kein Zuhause? Gib mir zwei Rupien, dann kannst du hier weiterschlafen." In diesem Moment,
wo ich von meinem Schlaf eigentlich noch sehr beeinflusst war, kam mir der Schlafplatz so wichtig vor,
dass ich aus meiner Hosentasche zwei Rupien nahm, sie dem Polizist in die Hand legte und mich zurücklegte. Dann schlief ich wieder tief ein.
   

Feigling

"Du bist ein Feigling. Wieso kommst du mich überhaupt in der Nacht besuchen?
Menschen, wie du, die in der Nacht hierher kommen, um die Geborgenheit einer Frau zu finden, sind schrecklich feige."
- "Ja, ich weiß", sagte der junge Mann. "Das ist sehr feige. Aber ich bin nicht hierher gekommen, um deine Liebe zu gewinnen."
- "Da irrst du dich aber", sagte die junge Frau. - "Hier werden doch nur Gefühle verkauft und weiter ist es nichts.
Aber ich möchte dich da rausholen", sagte der junge Mann. "Rausholen?" Die junge Frau guckte ganz böse zu dem jungen Mann
und sagte: "Du kannst hier sofort weggehen. Denk nicht an so was! Die Menschen, die nachts hierher kommen,
sind einfach zu feige, um mich von alldem zu befreien. Und so etwas zu versuchen bedeutet für dich nur den Tod." - "Ja, ich weiß",
sagte der junge Mann, "und deswegen werde ich mich aus dem Fenster werfen. Vielleicht wird dann die Polizei darauf aufmerksam
und holt dich aus diesem ganzen hier heraus", sagte der junge Mann und schmiss sich aus dem Fenster heraus.
   

Krankheit

"Weshalb kommst du hierher?" fragte ihn die Frau, die in seinem Arm lag.
Er hatte dabei mit ihren langen, schwarzen Haaren gespielt. Bei dieser Frage wurde er allerdings ganz aufmerksam.
Er war seit vielen Jahren Mitglied dieses Clubs, aber keine Frau hatte ihn so etwas gefragt. Er sammelte die Wörter,
um seine Geschichte doch noch zu erzählen, da sagte wiederum die junge Dame: "Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht verletzen.
Wenn ich Sie mit meiner Frage verletzt habe, so nehme ich es zurück." - "Nein, nein!", sagte Rojer, dachte nach und
fing an, seine Geschichte zu erzählen: "Vor 5 Jahren lebte ich ganz glücklich mit meiner Frau zusammen,
wir waren seit einem Jahr verheiratet. Als ich eines Abends nach Hause kam und erfuhr, dass Unbekannte meine Frau entführt hätten,
unternahm ich vieles, aber konnte sie nicht wiederfinden. Seitdem habe ich für meine Krankheit dieses Heilmittel gefunden.
" Rojer war ruhig, die junge Dame ebenfalls, und leise sagte sie: "Ja, da war ich auch 5 Jahre alt, als Amir (???)
und seine Bande mich entführten. Die Umgebung war angespannt, Rojer stand auf, öffnete die Tür und ging leise hinaus.
   

Hochzeitskarte

"Tja, mein Freund." Sie atmete tief und sprach mit sich selbst.
"Heute habe ich die Karte für deine Hochzeit auch bekommen, aber weißt du, was ich dabei gedacht habe?
Ein weißer Umschlag und eine bunte Karte darin - es war so, als wäre ein farbiger, aber toter Körper von einem weißen Tuch verhüllt.
Bitte sei nicht böse, ich möchte dich nicht verletzen. Aber was soll ich machen? Ich habe deine Hochzeitskarte bekommen
und bin durch die schöne Erinnerung ein bisschen zynisch geworden. Ich weiß, dass du mir diese Karte nicht selbst geschickt hast
und dass es nicht in deiner Absicht lag, sie mir zu schicken. Ich möchte dir nicht für irgendetwas Schuld zuweisen.
" Obwohl diese Karte für sie nicht angenehm war, öffnete sie den Umschlag, nahm die Karte heraus und begann, zu lesen.
"Sehr geehrte Damen und Herren, für die Hochzeit meiner Söhne…" - da standen Namen - "…mit soundso, Töchter von soundso,
die an diesem Datum stattfindet…" Weiter konnte sie nicht lesen; die ganze Tinte, mit der diese Karte geschrieben
worden war, fing an, zu ihren Augen zu fließen, als ob es Bluttropfen wären. Sie dachte sich: Wie viele Karten dieser Art
werden jeden Tag in meiner Gesellschaft gedruckt, die alle mehr oder minder den gleichen Inhalt haben und
am Schluss die Unterschrift des Verschickenden, die aussieht wie die Unterschrift eines Richters unter einer Verurteilung.
Sehr wenige Karten sind für das schöne Zusammenfinden zweier Menschen, meistens werden von den unglücklichen Paaren,
deren Eltern das durch ihren eigenen Willen und ausgesuchten Hochzeit diese Karte veröffentlichen lassen und
manchmal ist auch ein verhängtes Urteil an den zwei liebenden Menschen, armen Menschen, die nicht so viel Geld besitzen.
Das alles wird dann veranstaltet, öffentlich verkündet und durch diese schöne Karte verbreitet.
   

Wie der Vater, so der Sohn

"Lieber Herr!", sagte der Student. "Ihre Vorlesung war hervorragend. Sie sprechen so gut,
als ob es ihre Muttersprache wäre. Können Sie uns verraten, woher Sie so gut Englisch können?" Zum Schluss fing der Student
an, zu schmeicheln. Der Lehrer ….. und sagte: "So einfach ist es nicht, es braucht sehr viel Übung.
Mein Vater hatte von den Engländern Englisch gelernt und vermittelte es weiter zu mir. Mein Vater war ein Pferdepfleger der Engländer."
   

Leichenbestatter
"Kannst du mir ein paar Minuten mehr geben?", flehte der Leichenbestatter den Engel an,
der gekommen war, um seine Seele aus dem Körper zu nehmen, damit er sein Ende hatte. "Du hast doch so lang gelebt,
70 Jahre, willst du immer noch weiterleben?", fragte der erstaunte Engel. "Nein, nein, darum geht es nicht,
ich möchte nur, bevor ich sterbe, mein Grab selber ausschaufeln, weil ich doch selber Leichenbestatter bin. Der Engel,
der die Aufgabe hatte, seine Seele aus seinem Körper zu ziehen, war einverstanden. Der Leichenbestatter fing an, das Grab zu schaufeln.
Der Engel fragte wiederum: "Hast du niemanden, der dich nachher bestattet?" - "Nein", sagte der Leichenbestatter.
Als das Grab fertig war, legte sich der alte Mann hinein und rief den Engel, er könne jetzt sein Lebensende doch vollstrecken.
Da fragte der Engel noch einmal: "Und wie ist es mit dem Ritual des Waschens und des Verhüllens mit dem Tuch?"
Da sagte der Leichenbestatter: "In meiner Hütte liegt noch Tuch, da werden so viele Leute, denen ich immer wieder Gräber geschaufelt habe,
das für mich tun." Der Engel lächelte und ging nach Erledigung der Aufgabe weiter.
Als er am nächsten Morgen wiederum zu diesem Friedhof kam, sah er,
dass einige Leute den Leichnam des Bestatters aus dem Grab genommen hatten und stritten, wer dieses Grab für seine Toten benutzen dürfe.
   

Partnersuche
Er kam in das Restaurant und setzte sich an seinen gewohnten Platz.
Er kam jeden Tag zur gleichen Zeit in dieses Restaurant, die Kellner kannten ihn und brachten seinen Tee und das Essen.
Das war sein tägliches Ritual und alle kannten ihn. Er nahm den ersten Schluck Tee, spuckte ihn aus, schrie: "Was soll's?!"
und schmiss den ganzen Tee samt Tasse auf den Boden. Die Tasse war kaputt und die Scherben lagen überall verstreut.
"Was ist los", fragte der Restaurantbesitzer den Mann. - "Der Tee ist zu schlecht", sagte der Mann.
- "Der Tee ist schlecht?", wiederholte der Restaurantbesitzer. "Sie wissen, wir verkaufen nur solchen Tee, und es ist sehr hart,
sich über so etwas zu beschweren. Sie haben eine Tasse kaputtgemacht, und den Tee müssen Sie auch bezahlen.
Dies ist ein Restaurant, Sie sind hier nicht zuhause!" Der Kellner fing an, schnell alles sauberzumachen;
der Mann zog 5 Rupien aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und verließ mit großen Schritten das Restaurant.
Abends, als er im Bett lag, hörte er mehrmals die Stimme des Restaurantbesitzers:
"Dies ist ein Restaurant, Sie sind hier nicht zuhause!" Dann ging er zu einer Abendzeitung
und gab eine Anzeige auf: "Partnersuche".
   


Flucht
Schläge waren in dieser Schule an der Tagesordnung. "Hände aufschlagen,
richtig spreizen!", rief der Lehrer laut. Ich war schockiert, als ich neu in dieser Schule war.
Schläge oder auch Schimpfen waren mir bisher unbekannt. Ich hatte schon gehört, dass die Nachbarskinder von ihren Eltern Ohrfeigen kriegen
oder manchmal habe sie auch erzählt, sie müssen jetzt nach Hause, sonst gebe es Ohrfeigen.
Aber mir war so was nicht bekannt. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken,
nahm ich meine Bücher und Hefte mit beiden Händen und verließ ganz schnell die Schule. Es war der erste Protest gegen die Ungerechtigkeit,
aber wohl doch falsch. Weglaufen ist seitdem fest in mir verwurzelt. Ich bin immer noch auf der Flucht.